Den Anfang der Geschichte finden

Es geht um Anfänge und ums Anfangen. Anfänge bedeuten ein leeres Blatt und jede Menge unzusammenhängender Gedanken. Zumindest bei mir. Dieser erste Moment, in dem nichts existiert außer einer vagen Vorstellung und dem Wunsch, daraus etwas Greifbares zu machen – er ist gleichermaßen verlockend wie einschüchternd.
Die Story im Kopf besteht im Wesentlichen aus ein paar Szenen, die sich im Laufe der Handlung ereignen. Manchmal sind es nur Fragmente: ein Dialog, der sich plötzlich aufdrängt, eine Stimmung, die sich nicht mehr abschütteln lässt, ein Bild, das vor dem inneren Auge immer wieder auftaucht. Ob es da mal einen Zusammenhang geben wird und wie sich der rote Faden durch die Kapitel zieht, weiß ich noch nicht. Das liegt im Nebel, irgendwo jenseits meines Verstehens.
Diese weiße Fläche vor mir wirkt manchmal wie eine Wand auf mich. Massiv und undurchdringlich, voller aggressiver Leere. Ich weiß, dass sich dahinter meine Geschichte verbirgt, aber ich komme noch nicht an sie heran.
Früher habe ich ein paar Sätze darauf geschrieben, die sich leblos aneinanderreihten. Unverbunden, ohne Leben, ohne Fluss. Bevor ich den ersten Satz geschrieben hatte, war das Aufgeben schon einkalkuliert. Unbewusst natürlich, aber wirksam.
Heute mache ich es anders. Ich schreibe meine Ideen, Sätze, Dialoge und Beschreibungen ganz bewusst aus dem Kopf heraus, so wie sie kommen. Aber ich ordne sie in diesem ersten Schritt nicht. Ich lege sie nebeneinander, untereinander, übereinander – ganz wie sie mir in den Sinn kommen, in welcher Reihenfolge auch immer das Unterbewusstsein sie mir anbietet. Ein befreundeter Autor hatte mich vor Jahren mit einem einfach klingenden, aber unglaublich befreienden Satz inspiriert: „Hole es aus dem Kopf, schreibe es auf, sortiere es später.“ Dieser Impuls hat alles verändert.

Anstatt mich auf die Übergänge oder Zusammenhänge zu fokussieren, schreibe ich zuerst meine Ideen auf – so, wie sie mir in den Sinn kommen. Heute weiß ich, dass man das Solo-Brainstorming nennt. Der Begriff klingt professioneller, als es sich anfühlt. Es ist eher wie ein kontrolliertes Chaos, ein bewusstes Loslassen. Und tatsächlich: Wenn ich meine Gedanken als Text vor mir ausgebreitet liegen habe, werden die Dinge klarer. Die Nebel lichten sich ein wenig. Neue Ideen entstehen, Verbindungen entwickeln sich wie von selbst.
Früher habe ich das mit einer Menge Notizzettel, Post-its und Karteikarten bewerkstelligt. Mein Schreibtisch glich einem bunten Patchwork aus geklebten und gestapelten Gedanken. Da lebte ich allein und hatte keine Katze, die nachts über meine mühsam arrangierten Ideen spazieren und sie in alle Winde verteilen konnte

Am Anfang ging mir bei diesem Prozess erschreckend viel guter Text verloren. Nicht durch die Katze – die hatte ich damals noch nicht! Mein innerer Kritiker war das eigentliche Problem. Ein hartnäckige Begleiter, ein Antagonist, wie er im Buche steht! Er mischte sich unaufhörlich ein und hatte zu allem und jedem etwas zu sagen, meist nichts Ermutigendes oder auch nur Konstruktives. Kaum hatte ich die ersten Worte auf notiert, begann er bereits damit, jede einzelne Notiz zu bewerten, zu zerpflücken und gnadenlos in Frage zu stellen. Und das mit der akribischen Gründlichkeit eines pedantischen Lektors, gepaart mit der unbarmherzigen Härte eines besonders ehrgeizigen Staatsanwalt.


Und ich? Ich habe brav darauf gehört und seiner Stimme Raum gegeben, als wäre sie eine Autorität, der ich mich zu beugen hatte: Ne, das passt ja gar nicht, das ergibt überhaupt keinen Sinn, viel zu kompliziert für deine Leser, viel zu albern und kindisch, das wäre doch eher eine Idee für ein völlig anderes Buch, außerdem musst du noch einkaufen und hast du eigentlich die Wäsche aufgehängt … Die Stimme wurde lauter und penetranter, je länger ich versuchte, sie zu ignorieren. Je mehr ich mich auf meine eigentlichen Gedanken konzentrieren wollte ums o lauter wurde sie. Sie ließ sich nicht abschütteln, diese innere Instanz, die sich für zuständig hielt.


So verschwanden gute Ideen, bevor sie überhaupt die Chance hatten, sich zu entfalten. Sie wurden im Keim erstickt, zerredet, wegrationalisiert, noch bevor ich selbst ihre Tragweite erfassen konnte. Und mit ihnen verschwand manchmal auch die Lust am Schreiben selbst, diese fragile Freude am kreativen Prozess, die so leicht zu zerstören ist.
Irgendwann habe ich begriffen – nach vielen frustrierenden Anläufen und verschwendeten Stunden –, dass es völlig sinnlos ist, diesen lästigen inneren Zensor zum Schweigen bringen zu wollen, ihn auszusperren oder wegzudrücken. Er ist nun mal ein Teil von mir, er gehört zu meiner schreibenden Persönlichkeit dazu, so unangenehm das auch sein mag, und er lässt sich nicht einfach abschalten.
Ich konnte ihm aber einen anderen, sinnvolleren Platz zuweisen, ihm eine neue, klar definierte Rolle geben, die beiden Seiten gerecht wurde: Er durfte künftig erst beim Überarbeiten zu Wort kommen – bei der Szene, dem Kapitel oder dem gesamten Manuskript, wenn die rohe kreative Arbeit bereits getan war. Dort sollte er sich nach Herzenslust austoben dürfen, so kritisch und gnadenlos und unnachgiebig, wie er nur wollte. Das war die Abmachung, der Kompromiss, mit dem wir beide leben konnten.

Diese Vereinbarung mit meinem inneren Kritiker funktioniert erstaunlich gut: Beim Brainstorming lässt er mich in Ruhe, sitzt geduldig in seiner Ecke und wartet auf seinen Einsatz, und bei der Überarbeitung bekommt er seinen großen Auftritt. Solange ich nachdenke und meine Gedanken zu Papier bringe, entgeht mir kein noch so abstruser oder scheinbar unsinniger Einfall, der die Story vorwärts treiben könnte oder sich am Ende als idealer Plotpoint entpuppt. Jeder wilde Gedanke darf bleiben, jede verrückte Idee bekommt ihren Platz.


Wenn ich diese Gedankensplitter später erneut lese, oft nach Tagen oder sogar Wochen, entstehen daraus viele neue Ideen, auf die ich ohne diesen Prozess sicherlich nicht gekommen wäre. Etwas verbindet sich mit etwas anderem, ein Muster wird sichtbar, das vorher nicht da war. Eine zunächst belanglose Notiz, öffnet plötzlich eine ganz neue Richtung, zeigt einen Weg, den ich nicht gesucht hatte. Das ist vermutlich das Unterbewusstsein, das still und leise im Hintergrund weitergearbeitet hat, während ich längst an etwas anderem war – beim Kochen, beim Spazierengehen, beim Einschlafen.


Bei der Überarbeitung darf der innere Kritiker sich dann so richtig austoben. Hier ist er in seinem Element, hier darf er scharf und unnachgiebig sein, hier brauche ich ihn sogar dringend. Er findet Widersprüchlichkeiten in der Handlung, die mir beim Schreiben nicht aufgefallen sind, entlarvt Dialoge, die sich endlos im Kreis drehen, ohne dabei irgendwohin zu führen, entdeckt seitenlangen Infodump, der den Lesefluss zum Erliegen bringt und die Leser in Erklärungen ertränkt, und markiert unlogische Übergänge, die den Leser aus der Geschichte reißen würden. Er tut, wofür er gemacht ist. Und das macht er gut.

Früher genügte mir ein Zettel und ein Bleistift, heute entstehen und wandeln sich meine Ideen in einem Mindmap-Programm, das mir eine hohe Flexibilität bietet. So sehr ich die Haptik von Stift und Papier auch schätze.
Ich gebe meine Gedanken so schnell sie kommen über die Tastatur ein. Manchmal schneller als ich tippen kann. Ohne zu bewerten. Die entstehenden Blasen kann ich verschieben, miteinander verbinden, in verschiedenen Farben markieren und immer wieder neu anordnen, je nachdem, was mir gerade sinnvoll erscheint oder was sich intuitiv richtig anfühlt. Eine Karte meines Denkens entsteht, die sich mit jeder Session verändert und wächs

Ich lege Handlungsstränge an, entwickle meine Protagonisten, notiere ihre Wünsche, ihre Widersprüche und ihre wunden Punkte. Dinge, die sie antreiben oder zurückhalten, die sie nachts wachhalten oder am Tag lähmen, und verteile sie schließlich über die Szenen, bis ich sehen kann, wie alles zusammenhängt – oder eben noch nicht. Manchmal klaffen Lücken, die mich beunruhigen. Ein anderes Mal ergeben sich überraschende Verbindungen zwischen zwei Blasen, die ich nie bewusst zusammen gedacht hätte.

Das ist fast plotten – aber nicht wirklich. Es ist für mich eine Vorstufe auf der ich das eigentliche Plotten aufbaue. Es ist für mich eine Vorstufe, auf der ich das eigentliche Plotten aufbaue. Wenn ich plotte, habe ich diesen gesamten Entwurfs- und Ideenfindungsprozess bereits hinter mir: Die Gedankensplitter sind gesammelt, gesichtet, bewertet, die Verbindungen sind gezogen, das kreative Chaos in etwas Handhabbares überführt. Beim Plotten selbst geht es mir nicht mehr darum, neue Ideen aufzuspüren oder wilde Einfälle zu notieren. Erst jetzt plane ich meinen Arbeitskontext und baue ein Gerüst, das meinen eigentlichen Schreibprozess trägt und in eine Richtung weist. Dieses Gerüst gibt mir eine Freiheit, die ich ohne es nicht hätte. Es klingt paradox, fast widersprüchlich, aber die Struktur befreit mich tatsächlich. Der Plot erlaubt mir nämlich, nicht zwingend chronologisch vorzugehen, sondern mich ganz nach Lust und Laune frei in meiner Geschichte zu bewegen, von Szene zu Szene zu springen, hin und her, kreuz und quer, dort anzusetzen, wo mich gerade die Energie hinzieht, wo es brennt, wo mich etwas packt und nicht mehr loslässt.


An manchen Tagen verlangt es mich nach dunklen Momenten, nach Mord und Totschlag, nach den scharfen Kanten der Geschichte, nach Gewalt und dem Schmerz, für den ich Worte finden will. An anderen Tagen lasse ich den Protagonisten tief in seinem inneren Konflikt versinken und daran scheitern. Ohne Drama, ohne Lärm und Blut.


Wie ist es bei dir? Wie strukturierst du deine Geschichten? Bist du eher ein Plotter oder ein Panser? Also ein Planer oder ein Drauflosschreiber? Welche Techniken helfen dir, deine Ideen in eine fesselnde Struktur zu bringen?


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