Anfänge

Anfänge für Anfänger

Ich saß an meinem Roman »Russengold« und war ziemlich stolz auf den Anfang. Mein Protagonist wacht auf. Er schaut in den Spiegel. Es klingelt an der Tür.Dann hörte ich einen Podcast vom Literaturkritiker Wolfgang Tischer über typische Anfängerfehler. Und er zählte sie auf: Der Held wacht auf. Er schaut in den Spiegel. Es klingelt an der Tür. Ich kam mir vor, als hätte Tischer mein Konzept gelesen. Alle drei Klischees auf einmal, in meinen ersten Zeilen.Das war mein Aha-Moment. Ich habe den Anfang komplett neu geschrieben, und alles, was danach kam, gleich mit.
Ärgerlich? Ein bisschen. Aber es war die beste Entscheidung für das Buch.Seitdem lässt mich eine Frage nicht los: Wie machen es die anderen?

Der Zufall wählt aus

Ich in die Stadtbibliothek gegangen und habe zehn Krimis und Thriller herausgegriffen, einfach per Zufall. Was im Regal stand, kam mit.
So unterschiedlich sie sind haben alle eine Gemeinsamkeit: Sie wurden veröffentlicht. Sie stehen da, wo mein Buch auch einmal stehen soll. Und deins.
Jeder Anfang bekommt von mir zwei Blicke. Im ersten erzähle ich dir persönlich, wie der Text auf mich wirkt. Im zweiten öffne ich die Handwerkskiste und zeige dir die Werkzeuge, Regeln und Tricks der Autoren, erklärt auch für den, der gerade erst am ersten Buch sitzt.Du musst keine zehn Bücher lesen, um daraus zu lernen. Du musst nur ihre Anfänge verstehen.Lass uns anfangen. Mit den Anfängen.

Wie es wirkt – eine ganz persönliche Sichtweise

Eines vorweg: Alles, was du hier liest, ist meine ganz persönliche Sicht auf diese Anfänge. Ich bin kein Literaturwissenschaftler und kein Kritiker vom Feuilleton. Ich bin ein Leser, der selbst schreibt und sich an den Texten der Profis abarbeitet. Was mich packt, lässt dich vielleicht kalt. Was ich als Klischee abtue, ist für dich vielleicht der stärkste Satz des ganzen Buches. Genau das macht das Lesen ja so reizvoll. Zehn Leser, zehn Meinungen, und keine ist die richtige. Wenn du einen Anfang anders siehst als ich, freue ich mich, wenn du mir schreibst. Lass uns diskutieren. Erzähl mir, was du in einem Text entdeckt hast, was mir entgangen ist. Sag mir, wo ich danebenliege. Diese Seite soll ein Gespräch werden unter Leuten, die Bücher lieben und am eigenen schreiben.


Ella Theis – Neben der Spur

Ruhig, Hermann! Bleib ruhig! Sie sind in friedlicher Absicht gekommen. All das Murmeln und Plappern, das exaltierte Wedeln, mit dem sie sich mal hierhin, mal dorthin begeben, es hat nichts Böses zu bedeuten – nichts Böses zu bedeuten. Es ist ihnen eigen, wie dein Hüsteln in kühlen Räumen und das gelegentliche Zittern deiner Knie dir nun einmal eigen sind. Diese Spezies ist harmlos, hat Gudrun gesagt. Auch das Blitzgewitter, das Piepen und Summen aus allen Ecken, das schwarze Gewürm am Boden, lästig, aber harmlos. Nur dass du dich nicht dazwischen begibst, Hermann! Bleib in deinem Rollstuhl und rühr dich nicht von der Stelle! Du kennst deinen Text. Herzlichen Dank für Ihr Kommen … Ich begrüße Sie auch im Namen meiner Familie… Nein, warte, deine Rede kommt später. Nicht jetzt.
Jetzt spricht Gudrun mit ihnen. Gudrun kann das.
Unsere Gudrun! Weißt du noch, wie man sie dir in den Arm drückte? Ein schrumpelhäutiges Bündel, das sein Hu-äääh, Hu-äääh wie eine Sirene hinausgreinte. Alle liefen davon, angeblich, weil dringliche Tagesgeschäfte es erforderten. Du bliebst mit ihr allein, hast sie im Arm gewiegt, gegen die Fensterscheiben getrommelt, sie an deiner Taschenuhr horchen lassen. Bis ihr Gekreisch abschwoll und einer freundlichen Aufmerksamkeit wich. Du ganz allein konntest den kleinen Schreihals bändigen. So liebevoll, so fürsorglich hast du dich selbst nicht gekannt, was alter Hermann?
Da, schau, wie unsere Gudrun heute zwischen all diesen Fremden umhergeht,…

GRAFIT | 2. Mai 2012 | 256 Seiten | ISBN ‎ 978-3894254025

Der Erste Eindruck

Dieser Einstieg macht das Gegenteil von dem, was ich aus Krimianfängen kenne. Weder Anruf, Tatort oder Tempo. Stattdessen werde ich in Hermanns Kopf gesperrt, und der redet sich selbst gut zu wie einem nervösen Hund: »Ruhig, Hermann! Bleib ruhig!« Keine Schüsse, keine Schreie. Trotzdem liegt sofort Spannung in der Luft.
Die Autorin arbeitet mit einem inneren Monolog. Hermann beschreibt seine Umgebung in seltsamen Bildern: das »Murmeln und Plappern«, das »exaltierte Wedeln«, das »Blitzgewitter« und das »schwarze Gewürm am Boden«. Erst nach und nach begreife ich, dass ich eine ganz normale Veranstaltung mit Gästen und Fotografen vor mir habe. Hermann nimmt sie nur anders wahr. Er kommt nicht mehr ganz mit. Genau aus diesem Abstand zwischen seinem Erleben und meinem Verstehen entsteht der Sog. Die Figur stellt sich dabei selbst vor. Das Hüsteln, die zitternden Knie, der Rollstuhl, der Text, den er auswendig kann und im falschen Moment aufsagt. Ich brauche keine Beschreibung von außen, das alles steht in seinen eigenen inneren Kontext.

Warum das funktioniert

Ich weiß noch vor Hermann, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Das macht mich aufmerksam. Geschickt ist der Wechsel ins Du: Hermann spricht sich selbst an, und so rücke ich ihm sehr nah. Dann die Erinnerung an das »schrumpelhäutige Bündel« Gudrun, das er als Einziger beruhigen konnte. Das ist rührend, und es lässt mich fragen, wer sich jetzt eigentlich um wen kümmert.
Mich hat überrascht, wie viel Spannung hier ganz ohne Leiche entsteht. Das ist mutig, denn wer Blaulicht erwartet, springt vielleicht ab. Ich finde, die Sprache trägt. Wörter wie »greinte«, »abschwoll« und »Schreihals« haben einen besonderen Eigengeschmack, die nicht in jeder Synonymkiste zu finden sind. Der Titel »Neben der Spur« bekommt durch diese erste Seite gleich eine zweite Bedeutung, und das mag ich. Nur die Aufzählung der »harmlos«-Beruhigungen geriet mir eine Spur zu lang.

Was ich mitnehme

Spannung braucht hier keine Tat. Es reicht, wenn die Figur weniger versteht als ich. Dieser Abstand hat mich stärker in die Geschichte gezogen als jeder Cliffhanger. Ella Theis lässt Herrmann sich komplett allein vorstellen, indem Sie ihn sich selbst gut zureden lässt. Jede Ermahnung verrät eine Schwäche, jede Erinnerung eine Beziehung. Und ein Romananfang darf mich ruhig kurz im Unklaren lassen, was ich da eigentlich vor mir habe. Hauptsache, die Stimme hält mich fest.

Das Handwerk dahinter

Die Du-Erzählung
Hermann spricht sich die ganze Zeit selbst an: »Ruhig, Hermann! Bleib ruhig!« Das ist eine seltene Form, die Du-Perspektive oder zweite Person. Normalerweise erzählt man in der Ich-Form oder aus der Sicht von außen. Hier redet die Figur mit sich selbst wie mit einem Hund, den sie beruhigen muss. Das holt den Leser ganz dicht heran. Diese Form ist anspruchsvoll und passt nicht überall. Hier funktioniert sie, weil Hermann sich zusammenreißen muss, also spricht er sich zu.
Der unzuverlässige Erzähler, Variante Wahrnehmung
Hermann beschreibt Gäste als »Murmeln und Plappern«, Kameras als »Blitzgewitter«, Kabel als »schwarzes Gewürm«. Wir merken: Mit seiner Wahrnehmung stimmt etwas nicht. Das ist wieder der unzuverlässige Erzähler, aber anders als bei Schimmelpfennig. Dort war es die Müdigkeit, hier vermutlich eine Krankheit oder das Alter. Der Trick dahinter heißt Verfremdung: Bekannte Dinge werden so beschrieben, dass wir sie erst entschlüsseln müssen. Wenn du eine Szene durch die Augen einer besonderen Figur zeigst, beschreib die Welt so, wie sie sie sieht. Der Leser setzt das Bild selbst zusammen.
Das dramatische Vorauswissen
Theis legt eine Spur, ohne sie auszusprechen. Die ständigen Selbstermahnungen, das »rühr dich nicht von der Stelle«, lassen mich ahnen, dass gleich etwas schiefgeht. Profis nennen das Vorausdeutung oder Foreshadowing. Der Text zeigt mir eine geladene Pistole, ohne dass schon geschossen wird. So baust du Spannung auf, ohne etwas zu verraten. Ein Hinweis genügt, der Leser macht den Rest.
Charakterisierung über die Erinnerung
Die Szene mit dem Baby Gudrun, das nur Hermann beruhigen konnte, sagt viel über ihn. Statt »Hermann war ein liebevoller Vater« zeigt Theis eine konkrete Erinnerung. Das ist Show, don’t tell. Und es hat einen zweiten Zweck: Der starke, fürsorgliche Mann von damals steht im Kontrast zum hilflosen Mann im Rollstuhl von heute. Dieser Gegensatz macht die Figur sofort berührend.
Die unterbrochene Rede
Hermann setzt zu seiner Begrüßungsrede an und stoppt sich selbst: »Nein, warte, deine Rede kommt später.« Diese kleinen Aussetzer zeigen, dass er den Faden verliert, ohne dass der Zustand benannt wird. Du kannst den Geisteszustand einer Figur über ihren Sprechrhythmus zeigen. Abgebrochene Sätze, Wiederholungen und Korrekturen wirken stark. Gutes „Show, don´t tell“.

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Uta Seeburg – Der falsche Preuße

»… ich bitte jeden Leser, daß er keine Wahrnehmung, die er gemacht hat, für unwesentlich halte.«
Hans Groß: Handbuch für Untersuchungsrichter, Polizeibeamte,
Gendarmen usw., 1. Auflage, 1893

Das ungewöhnlich gute Wetter im Jahr 1894 hatte die Kriminalität in München jäh ansteigen lassen. All die Wirtshausschlägereien, Streitereien mit den Fremden, die in die sonnige Stadt strömten, und die nie enden wollenden Eifersuchtsdramen heißer Sommernächte fanden ihren Höhepunkt natürlich im jährlichen Oktoberfest, und Hauptmann Wilhelm Freiherr von Gryszinski war heilfroh, dass diese bierselige Vorhölle am gestrigen Tag zu einem Ende gekommen war. Nachdem er nun jede erdenkliche Art, wie man mit einem Masskrug ein Schädeltrauma verursachen konnte, ergründet hätte, freute er sich auf einen ruhigen Herbsttag, der ihn eben mit einem freundlichen Morgenlicht empfing.
Er war früh dran, als er aus dem großen Mietshaus im Lehel auf die Straße trat, und beschloss daher, sich auf dem Weg zur Arbeit einen Umweg zu gönnen.
Er ließ die Trambahn fahren, die seit einiger Zeit nicht mehr nur von Pferden gezogen, sondern auch mit Dampf betrieben wurde und demnächst sogar elektrisch fahren sollte – unglaublich, in welcher Zeit der Innovationen sie lebten! -, und folgte einigen der ungepflasterten Straßen, die heute mit einer schmierigen Schicht nassen Staubs bedeckt waren, denn in der letzten Nacht hatte es endlich geregnet. Links und rechts erhoben sich frisch erbaute prachtvolle Bürgerhäuser, durchbrochen von Baustellen für noch mehr große Mietshäuser mit Erkern, Türmchen und Stuckarbeiten; …

HarperCollins | 20. Juli 2021 | 352 Seiten | ISBN ‎978-3749902859

Der Erste Eindruck

Dieser Anfang nimmt sich Zeit, und das fällt mir sofort auf. Statt mich in eine Tat zu werfen, lässt mich die Autorin erst mal das München von 1894 riechen. Der ironische Ton hat mich gleich für sich gewonnen. Die Kriminalität steigt, weil das Wetter zu schön ist. Über diesen Einfall musste ich grinsen.
Vorangestellt ist ein echtes Zitat aus einem Kriminalistik-Handbuch von 1893. Das setzt einen klugen Rahmen und sagt mir schon, worum es gehen wird: ums Beobachten, ums Nicht-übersehen. Dann führt mich Uta Seeburg über einen Umweg durch die Stadt, gemeinsam mit ihrem Hauptmann. Die Dampf-Trambahn, die bald elektrisch fahren soll, die frischen Bürgerhäuser, der nasse Staub auf den Straßen. Ich bekomme ein Bild von einer Stadt im Umbruch, und nebenbei lerne ich Gryszinski kennen, der lieber zu Fuß geht und sich über das Oktoberfest als »bierselige Vorhölle« freut, weil es endlich vorbei ist.

Warum das funktioniert

Die Figur stellt sich über ihren Blick auf die Welt vor. Wie Gryszinski über die Schädeltraumata durch Masskrüge denkt, wie er sich einen Umweg gönnt, wie ihn die Innovationen begeistern. Das verrät mir mehr über ihn als jede Beschreibung seines Aussehens. Ich mag diesen leicht spöttischen Erzählton, der die Zeit von oben betrachtet und sich über sie amüsiert.
Wer einen schnellen Einstieg erwartet, könnte hier ungeduldig werden. Eine Leiche gibt es nicht, nur Atmosphäre und einen sympathischen Beamten an einem ruhigen Morgen. Das hält die Sprache aber gut aus. Wörter wie »bierselige Vorhölle« und der Gedanke an die vielen Arten, mit einem Masskrug Schaden anzurichten, haben Witz. Manchmal wird mir der Satzbau eine Spur zu üppig. Der lange Satz mit der Trambahn, dem Einschub und dem Regen verlangt Geduld. Der Titel »Der falsche Preuße« macht mich neugierig, weil Gryszinski mit seinem polnischen Namen im Münchner Umfeld sitzt. Da steckt schon ein kleiner Konflikt drin.

Was ich mitnehme

Ein historischer Krimi darf sich Zeit für seine Welt nehmen, solange der Erzählton trägt. Hier ist es der Humor, der mich bei der Stange hält, obwohl noch gar nichts passiert. Eine Figur lerne ich am besten über ihre Gedanken und ihre Vorlieben kennen, nicht über ihr Äußeres. Und ein vorangestelltes Zitat kann mehr sein als Deko. Es stimmt mich auf das Thema ein, bevor die erste Szene überhaupt beginnt

Das Handwerk dahinter

Anders als bei einem Cold Open wirft Seeburg dich nicht in eine Tat, sondern baut erst eine Welt auf. Du lernst die Stadt kennen, das Wetter, die Stimmung. Das ist im historischen Krimi beliebt, weil die Zeit selbst ein Reiz ist. Der Preis: Es geht langsamer los. Beide Wege sind möglich, du musst nur wissen, welchen du gehst.
Der ironische Erzählton
Gleich der erste Satz ist ein kleiner Witz: Das schöne Wetter lässt die Kriminalität steigen. Dieser ironische Ton zieht sich durch, etwa bei der »bierseligen Vorhölle« Oktoberfest. Humor im Einstieg bindet den Leser, weil er sofort eine Haltung spürt. Wenn du humorvoll schreiben willst, leg den Ton früh fest.
Charakterisierung über Gedanken
Wir erfahren, wie der Hauptmann über Schädeltraumata durch Masskrüge denkt und wie er die Innovationen seiner Zeit bestaunt. Statt zu schreiben »er war neugierig und leicht spöttisch«, zeigt die Autorin seine Gedanken, und wir schließen selbst darauf. Das ist Show, don’t tell, nur für den Charakter statt für die Handlung.
Das Worldbuilding nebenbei
Die Dampf-Trambahn, die Baustellen, die neuen Bürgerhäuser. Seeburg packt ihre Recherche nicht in einen Klotz, sondern streut sie in den Spaziergang ein. Die schlechte Variante nennt man Info-Dump, einen Wissens-Klumpen, der die Handlung anhält. Verteile deine Recherche in Häppchen und binde sie an Handlung, dann liest sie sich wie Leben, nicht wie ein Lexikon.
Wo es hakt
Der lange Satz mit der Trambahn, dem Einschub und dem Regen verlangt viel Geduld. Solche Schachtelsätze klingen nach alter Zeit, sind für Einsteiger aber eine Falle, weil der Leser den Faden verliert. Lies einen langen Satz laut. Kommst du außer Atem, mach zwei daraus.

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Roland Schimmelpfennig – Die Linie zwischen Tag und Nacht

Sie trieb in ihrem weißen Brautkleid auf dem grünen Wasser des Kanals, die junge Frau trieb auf dem Rücken, und sie hatte Rosen im Haar. Sie sah in den Himmel.
Es war ein kalter Tag im Frühling, und trotzdem tanzte die ganze Stadt.
Erster Mai, Berlin, Techno.
Zwei Helikopter kreisten über dem Görlitzer Park, aber die beiden Helikopter flogen viel zu dicht beieinander, was, wenn sie sich berührten, was, wenn sie vom Himmel in die tanzende Menge stürzten?
Vielleicht waren es aber auch gar nicht zwei Helikopter, die da oben über uns kreisten, vielleicht war es nur ein Helikopter, es bestand die Möglichkeit, dass ich doppelt sah, denn ich war seit mehr als vierundzwanzig Stunden wach.
Neben mir am Kanal tanzten eine kolumbianische Zeichnerin und ein kroatischer Dachdecker und eine portugiesische Kellnerin und ein syrischer Informatiker und ein indisches Mädchen mit schwarzblau geschminkten Augen, das Feuer spucken konnte, und ein sehr großer und sehr dünner, bärtiger Russe, der sich als Mystiker bezeichnete. Ich kannte nur den Russen, Ivan.
Alle waren hellwach und gleichzeitig todmüde…

S. FISCHER | 24. Februar 2021 | 208 Seiten | ISBN 978-3103974102

Der Erste Eindruck

Dieser Anfang hat mich umgehauen. Im ersten Satz treibt eine Braut tot im Kanal, mit Rosen im Haar, und blickt in den Himmel. Das ist ein Bild, das sofort sitzt. Und dann macht der Autor etwas Verwegenes: Er schneidet von der Toten weg, mitten in eine tanzende Stadt. Erster Mai, Berlin, Techno. Diese drei Wörter und ich weiß genau, wo ich bin.
Schimmelpfennig erzählt aus der Ich-Perspektive, und der Erzähler ist seit über vierundzwanzig Stunden wach. Das nutzt der Autor klug. Er lässt seinen Erzähler an der eigenen Wahrnehmung zweifeln: Sind das zwei Helikopter oder nur einer, sehe ich doppelt? So bin ich von Anfang an in einem Kopf, dem ich nicht ganz trauen kann. Die Tanzenden am Kanal führt er in einer langen Reihe vor: die kolumbianische Zeichnerin, der kroatische Dachdecker, die portugiesische Kellnerin, der syrische Informatiker, das feuerspuckende Mädchen, der russische Mystiker. Ein ganzes Berlin in einer einzigen Aufzählung.

Warum das funktioniert

Die Tote und die feiernde Menge prallen hart aufeinander. Der Tod im Wasser, das Leben am Ufer. Dieser Kontrast erzeugt sofort eine Spannung, die ich nicht auflösen kann. Wer ist die Frau? Sieht der Erzähler sie überhaupt richtig? Gehört sie zu diesem Tag oder zu einem anderen? Ich habe lauter Fragen und keine Antwort, und genau das hält mich fest.
Die müde Wahrnehmung des Erzählers ist ein schöner Trick. »Hellwach und gleichzeitig todmüde« beschreibt nicht nur ihn, sondern den ganzen Tag. Und weil er selbst nicht sicher ist, was er sieht, bin ich es auch nicht. Das macht mich aufmerksam.
Ehrlich? Die lange Aufzählung der Tanzenden ist ein Wagnis. Sie könnte wie eine Liste wirken. Mich hat sie eher reingezogen, weil jede Figur mit zwei Wörtern ein eigenes kleines Leben bekommt. Trotzdem könnte ich mir vorstellen, dass ungeduldige Leser hier kurz aussteigen. Die Sprache ist schlicht und klar, fast nüchtern, und gerade dadurch wirkt das Bild der toten Braut umso stärker. Der Titel »Die Linie zwischen Tag und Nacht« passt gut zu diesem Schwebezustand zwischen Wachsein und Müdigkeit, zwischen Feiern und Tod.

Was ich mitnehme

Ein starkes erstes Bild trägt einen ganzen Anfang. Die tote Braut im Kanal lässt mich nicht mehr los, egal was danach kommt. Ein Kontrast wirkt oft besser als eine Erklärung. Tod neben Tanz, das brennt sich ein. Und ein Erzähler, der seiner eigenen Wahrnehmung misstraut, zieht mich tiefer in die Geschichte, weil ich genauso wenig weiß wie er. Wenn ich als Leser mitzweifle, bin ich schon mittendrin.

Das Handwerk dahinter

Der Cold Open
Schimmelpfennig steigt mitten in eine fertige Szene ein, ohne Erklärung. Profis nennen das einen kalten Einstieg. Du wirst nicht an die Hand genommen, sondern reingeworfen. Die tote Braut liegt da, und keiner sagt dir, wer sie ist. Die wichtigste Lektion für dich: Du musst am Anfang nicht alles erklären. Fragen sind gut, Fragen halten den Leser bei der Stange.
Das Schockbild als Köder
Der erste Satz ist ein Hook, ein Haken, der den Leser einhakt. Hier ist es ein starkes Bild: tote Frau, Brautkleid, Rosen im Haar, grünes Wasser. Ein guter Hook ist konkret und bildhaft, kein vager Satz wie »Etwas Schreckliches war passiert«. Schimmelpfennig zeigt, statt zu erzählen. Das ist die bekannteste Schreibregel überhaupt: Show, don’t tell. Zeig die Rosen im Haar, dann fühlt der Leser mehr, als wenn du schreibst »es war traurig«.
Der harte Schnitt
Direkt nach der Toten springt der Text zur tanzenden Stadt. Diese Technik kommt aus dem Film und heißt Kontrastmontage. Zwei Bilder, die nicht zusammenpassen, werden hart aneinandergesetzt: Tod und Party. Der Leser spürt die Spannung von allein. Für dein Buch heißt das: Du kannst Stimmungen über Gegensätze erzeugen, statt Gefühle zu beschreiben.
Der unzuverlässige Erzähler
Der Ich-Erzähler ist seit über vierundzwanzig Stunden wach und weiß selbst nicht, ob er ein oder zwei Helikopter sieht. Das nennt man einen unzuverlässigen Erzähler. Du kannst dem, was er sagt, nicht ganz trauen, und genau das schafft Spannung. Vorsicht für Einsteiger: Das muss man dosieren. Hier funktioniert es, weil die Müdigkeit den Zweifel glaubwürdig macht. Es gibt einen Grund dafür, nicht nur einen Effekt.
Die schnelle Figureneinführung
Die Tanzenden werden in einem Rutsch vorgestellt, jede Figur mit nur zwei oder drei Wörtern: die kolumbianische Zeichnerin, der kroatische Dachdecker. So bringt man schnell viele Leute auf die Bühne, ohne jeden einzeln zu beschreiben. Ein gut gewähltes Detail ersetzt einen ganzen Absatz Beschreibung.
Mein Tipp für deinen eigenen Anfang
Nimm dir aus diesem Text genau eine Sache mit, nicht alle auf einmal. Am leichtesten umzusetzen ist der starke erste Satz. Schreib einen Anfang, der ein konkretes Bild zeigt, kein Gefühl behauptet. Lies ihn laut. Wenn du selbst neugierig wirst, was als Nächstes passiert, hast du es richtig gemacht.

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